Zum 120. Geburstag des kubanischen Nationaldichters Nicolás Guillén

Nicolás Guillén Batista, der Nationaldichter Kubas, wurde am 10. Juli 1902 in Camagüey geboren. Nach der Schule begann er ein Jura-Studium, wechselte aber bald zum Journalismus. Bereits mit 18 Jahren veröffentlichte er erste literarische Werke. Seine revolutionären Ideen zwangen ihn 1952 in den letzten Jahren der Batista-Diktatur ins Exil. Er kehrte nach dem Triumph der Rebellen im Januar 1959 nach Kuba zurück und trat der Kommunistischen Partei bei. Er war einer der Gründer der Union der Schriftsteller und Künstler Kubas (Uneac) und dessen erster Präsident. 

Eines seiner Haupthemen war die lange vernachlässigte afrokubanische Tradition Kubas in die spanischsprachige Literatur einzubringen. In vielen seiner Werk verschmilzt die spanische Sprache mit afrikanischen Elementen. Durch die Verwendung von Wörtern, die die sprachlichen Nachahmungen von Lauten sind, versuchte er den Klang und den Rhythmus der traditionellen Musik des Son nachzubilden. So wurde er bald zum herausragendsten Vertreter der Schwarzen Poesie der Afro-Karibik. Davon zeugen insbesondere die „Motivos de son“ (1930), „Sóngoro cosongo“ (1931) und einzelne Gedichte in späteren Büchern. In „Cantos para soldados y sones para turistas“ (1937), „El son entero“ (1947) und „La paloma de vuelo popular“ (1958) zeigte er sein Engagement für die kubanische und karibische-mittelamerikanische Heimat. 

In seinem Gedicht „Balada de los dos abuelos“ betonte er die Akzeptanz des Afrikaners und des Spaniers im selben Blut, die zur Entstehung des Mulatten führte und prangerte die Grausamkeit des Sklavenhandels an. In „En Sensemayá y La muerte del Ñequee“ ließ er sich von afrikanischen Riten und Überzeugungen inspirieren, ohne andererseits die weiße Kultur abzulehnen. Seine Werke haben aber auch neoromantische und metaphysischen Anliegen wie Liebe und Tod zum Anliegen. 

La Muralla

Para hacer esta muralla,
tráiganme todas las manos:
Los negros, su manos negras,
los blancos, sus blancas manos.

Ay,
una muralla que vaya
desde la playa hasta el monte,
desde el monte hasta la playa, bien,
allá sobre el horizonte.

Para hacer esta muralla,
tráiganme todas las manos:
Los negros, su manos negras,
los blancos, sus blancas manos.

Ay,
una muralla que vaya 
desde la playa hasta el monte,
desde el monte hasta la playa, bien,
allá sobre el horizonte.

Tun, tun!
Quién es?
Una rosa y un clavel…
Abre la muralla!

¡Tun, tun!
¿Quién es?
El sable del coronel…
¡Cierra la muralla!

¡Tun, tun!
¿Quién es?
La paloma y el laurel… 
¡Abre la muralla!

¡Tun, tun!
¿Quién es?
El alacrán y el ciempiés…
¡Cierra la muralla!

Al corazón del amigo,
abre la muralla;
al veneno y al puñal,
cierra la muralla;
al mirto y la yerbabuena,
abre la muralla;
al diente de la serpiente,
cierra la muralla;
al ruiseñor en la flor,
abre la muralla…

Alcemos una muralla
juntando todas las manos;
los negros, sus manos negras,
los blancos, sus blancas manos.

Una muralla que vaya
desde la playa hasta el monte,
desde el monte hasta la playa, bien,
allá sobre el horizonte…

Der Schutzwall

Um diesen Schutzwall zu bauen,
bring mir alle Hände:
Die Schwarzen, ihre schwarzen Hände,
die Weißen, ihre weißen Hände.

Oh,
einen Schutzwall, der geht
vom Strand bis zum Berg,
vom Berg bis zum Strand, naja,
dort am Horizont.

Klopf, Klopf!
„Wer ist da?“
Eine Rose und eine Nelke…
„Mach den Schutzwall auf!“

Klopf, Klopf!
„Wer ist da?“
„Der Säbel des Obersten …
„Schutzwall schließen!“

Klopf, Klopf!
„Wer ist da?“
Die Taube und der Lorbeer …
„Mach den Schutzwall auf!“

Klopf, Klopf!
„Wer ist da?“
Der Skorpion und der Tausendfüßler…
„Schutzwall schließen!“

Zum Herzen des Freundes,
öffne den Schutzwall;
zum Gift und zum Dolch,
schließe den Schutzwall;
zu Myrte und Minze,
öffne den Schutzwall;
zum Zahn der Schlange,
schließe den Schutzwall;
zur Nachtigall in der Blüte,
mach den Schutzwall auf…

Lass uns einen Schutzwall bauen
alle Hände zusammenlegen;
die Schwarzen, ihre schwarzen Hände,
die Weißen, ihre weißen Hände.

Einen Schutzwall, der geht
vom Strand bis zum Berg,
vom Berg bis zum Strand, naja,
dort drüben am Horizont…

Guillén wurde 1981 mit dem José-Martí-Orden, der höchsten kubanischen Auszeichnung, und 1983 mit dem Nationalpreis für Literatur des kubanischen Kulturministeriums ausgezeichnet. In seinem literarischen Leben erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Viareggio-Preis in Rom, (1972); die Musgrave-Goldmedaille in Kingston, Jamaika (1975); der Jrísto Botev International Award, Republik Bulgarien, (1975); der Ricardo Miró National Poetry Prize des National Institute of Culture of Panama (1978); und der Asan World Poetry Prize des Asan Memorial in Kerala, Indien, (1983). Er erhielt den Titel Doctor Honoris Causa in hispanischer Sprache und Literatur von der Universität Havanna (1975); Doctor of Letters Honoris Causa von der University of the West Indies, Jamaika; (1975); Ehrendoktorwürde der Universität Bordeaux, Frankreich (1978); Doctor Honoris Causa der Universität von Guayaquil, Ecuador, (1984); Ehrendoktor der Universität von Kolumbien (1984); und Doctor Honoris Causa von der National University of San Marcos in Lima, Peru, (1984). Zahlreiche Bücher wurden auf der ganzen Welt mit seinen Gedichten sowie Essays, Interviews und Berichten über seine Reisen auf verschiedenen Kontinenten veröffentlicht.

Am 17. Juli 1989 starb er nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren in Havanna. 

Quelle und Fotos: Granma, Wikipedia & Adobe Stock

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