Haiti fest im Griff von Banden

Die Situation im krisengebeutelten Haiti gerät immer mehr außer Kontrolle. Banden stellen immer offener ihre Macht zur Schau und rekrutieren mehr junge Männer und sogar Kinder. Viele der neuen Gangmitgliedern sind nicht älter als 6 oder 7 Jahre alt und werden im Teenageralter schon Anführer. Nur wenige von ihnen werden älter als 30. Ihre Macht in Haiti zeigen die Gangs unter anderem mit Entführungen und Lösegeldforderungen, wie letztens der von mindestens 15 US-Missionaren. 

„Die Situation ist außer Kontrolle“, schätzt James Boyard, Professor für Politikwissenschaft an der Haiti State University, der das Phänomen wie andere Experten auf Geschäftsleute und politische Führer zurückführt, die die Banden finanziert haben. „Man hat ihnen zu viel Macht gegeben, und jetzt haben sie Angst. Sie wussten nicht, dass die Dinge so außer Kontrolle geraten würden, wie sie es getan haben. Gangs kontrollieren 40 % von Port-au-Prince, einer Stadt mit mehr als 2,8 Millionen Einwohnern, in der Gangs jeden Tag um Territorien kämpfen. Die Straße, die an einem Tag der einen Gang gehörte, konnte am nächsten Tag der anderen gehören. Zwei Anführer, die sich eines Tages gegenseitig angreifen, könnten eine kurzlebige Allianz bilden, um einen dritten zu bekämpfen, bis sie ihre Feindschaft erneuern. Es gibt eine Vielzahl von Bandennamen – Krache Difé, Torcel, Baz Pilot, 5 Secondes – aber Experten schätzen, dass es nur 30 in und um die Hauptstadt gibt. Am mächtigsten wird „G9 Familia y Aliados“ von Jimmy Cherizier, einem ehemaligen Polizisten, eingeschätzt. Die Bandengewalt im Land steigt und fällt, je nach Situation, politisch oder wirtschaftlich, oder zu gegebener Zeit durch die Präsenz von UN-Friedenstruppen. Auch heute noch erschüttert das Land die Ermordung von Präsident Jovenel Moïse am 7. Juli und ein Erdbeben im August, bei dem mehr als 2.200 Menschen ums Leben kamen. Diese beiden Ereignisse stoppten vorübergehend die Bandenaktivitäten, aber Entführungen haben in den letzten Wochen wieder deutlich zugenommen. Laut dem Büro der Vereinten Nationen für Haiti wurden in den ersten acht Monaten des Jahres 2021 insgesamt 328 Entführungen der haitianischen Nationalpolizei gemeldet, verglichen mit 234 im gesamten Jahr 2020.

Das Epizentrum 

Die Macht der Gangs zeigt sich am deutlichsten in Martissant, dem Viertel, das Port-au-Prince mit dem Süden des Landes verbindet und in dem drei Gangs um die Macht kämpfen. Laut der Lokalzeitung Le Nouvelliste ist die Gewalt hier so groß, dass die Leute stundenlange Umwege in Kauf nehmen, um das Viertel zu umgehen. In Martissant ist die Polizeistation mit Kugeln durchlöchert und Männer ohne Hemd und Kapuze stehen hinter verbrannten Autos Wache. Im Juli feuerte eine Bande auf einen Krankenwagen und tötete eine Krankenschwester. Im darauffolgenden Monat zwang die Gewalt die Organisation Ärzte ohne Grenzen, ihre Klinik in Martissant zu schließen. An einem Samstag versuchte die Polizei mit gepanzerten Fahrzeugen einzudringen und wurde bald darauf beschossen. Den Rest des Tages lag ein toter Zivilist am Boden.

Immer mehr zivile Opfer

Bei den Kämpfen zwischen Banden gerieten manchmal auch Zivilisten ins Kreuzfeuer. Aber im November 2018 starben mehr als 70 Menschen in La Saline, einem sehr armen Viertel in Port-au-Prince, das derzeit unter der Kontrolle der G9-Bande steht, deren Anführer in das Massaker verwickelt war. „Es gab Vergeltungsschläge und noch mehr Vergeltungsmaßnahmen … bis sie anfingen, Zivilisten anzugreifen, und jetzt unterscheiden sie nicht mehr zwischen Gangmitgliedern und Zivilisten“, sagte ein internationaler Beamter, der anonym bleiben wollte. Selbst bei Entführungen wird kaum noch unterschieden, egal ob es Wurstverkäufer, Schulkinder, Priester oder wohlhabende Geschäftsleute die Opfer sind. Experten schätzen, dass die grassierende Kriminalität zum Teil auf die extreme Armut im Land zurückzuführen ist. 60 % der Bevölkerung leben von weniger als 2 US-Dollar pro Tag und Millionen Menschen leiden an Hunger. „Banden bieten für viele Menschen einen Ausweg aus dieser ganzen Situation, vielleicht den einzigen Ausweg“, sagte Boyard.

Wirtschaftskrise, Naturkatastrophen und ein schwieriges, politisches Erbe

Das Bruttoinlandsprodukt von Haiti fiel letztes Jahr um -3,3%, der größte Rückgang seit den -5,7% nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2010. Die Landeswährung hat 50% ihres Wertes verloren und die Inflation übersteigt 10%. Die Situation sei vergleichbar mit der nach dem Putsch von 1991, der Präsident Jean-Bertrand Aristide stürzte, sagte der Ökonom Germain. Experten schätzen ein, dass der Ex-Präsident Aristide mitverantwortlich an der jetzigen Situation sei. Nach seiner Rückkehr an die Macht 1994 löste er die Armee auf und ließ die Stadtviertel bewaffnen, auf die er als katholischer Priester Einfluss hatte.

Quelle: Listin Diario

Fotos: Listin Diario und Google Maps

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